Eine Woche vor der OP ging ich zum Verein. Um mich zu verabschieden.
Ich stand am Platzrand. Schaute den anderen zu.
Dann sah ich Sabine.
Sabine ist 62. Spielt seit 40 Jahren. Ich kenne sie vom Vereinsturnier vor zwei Jahren. Sie ist... ein Vorbild. Fit. Stark. Spielt besser als die meisten 40-Jährigen.
Sie kam vom Platz. Sah mich.
"Julia, spielst du heute nicht?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, mein Knie... ich kann nicht mehr."
Sie sah mich gehen. Ich humpelte leicht.
"Dein Knie?"
"Ja. Meniskusschaden. Ich soll in drei Wochen operiert werden."
Sie blieb stehen. "Operieren?"
"Oder aufhören. Das waren meine Optionen."
Stille.
Dann: "Darf ich mal deine Tennisschuhe sehen?"
Ich zögerte. "Meine Tennisschuhe?"
"Ja. Bitte."
Ich zog sie aus. Sie nahm sie in die Hand. Öffnete sie. Zog die Einlage raus.
Drückte mit dem Daumen rein.
"Kein Wunder. Die ist komplett tot."
"Was?"
"Deine Einlage. Platt. Kein Widerstand mehr. Da kannst du auch barfuß spielen."
Ich starrte auf die Einlage in ihrer Hand.
"Aber die Schuhe sind erst vier Monate alt."
"Die Schuhe, ja. Aber das hier?" Sie hielt die Einlage hoch. "Hält maximal sechs bis acht Wochen bei intensivem Tennis. Danach kollabiert sie."
"Und das verursacht die Knieschmerzen?"
Sie nickte.
"Wenn die Einlage tot ist, fängt sie keinen Aufprall mehr ab. Dein Fuß kippt bei jedem Stop. Die Kraft geht schräg nach oben. Direkt ins Knie."
"Dein Knie kompensiert. Seit Monaten."
Ich schaute auf die tote Einlage.
"Aber ich hatte orthopädische Einlagen. Für 420 Euro. Die haben nur gedrückt."
Sie lächelte. "Die sind für Gehen gemacht, nicht für Tennis. Sie arbeiten gegen deinen Fuß, nicht mit ihm."
Ich fühlte, wie sich etwas in meinem Kopf verschob.
"Ich stand auch kurz vor einer OP"
Sabine setzte sich neben mich.
"Ich hatte vor vier Jahren genau das Gleiche. Meniskusschaden. Zwei Ärzte sagten mir, ich soll aufhören."
"Und?"
"Dann bin ich zu einem Tennis-Sportarzt. Dr. Müller. Er macht biomechanische Analysen speziell für Tennisspieler."
"Und der hat dir geholfen?"
"Er hat mir in 20 Minuten gezeigt, was ein Jahr Behandlungen nicht fand. Meine Einlagen waren tot. Mein Fuß kippte bei jedem Stop. Mein Knie zahlte den Preis."
"Und dann?"
"Er gab mir tennis-spezifische Einlagen. Keine orthopädischen. Welche, die mit dem Fuß arbeiten. Die den Aufprall absorbieren, aber Bewegung erlauben."
Sie stand auf.
"Ich bin heute 62. Spiele vier Mal die Woche. Keine Schmerzen. Seit vier Jahren."
Ich schaute sie an. "Und du denkst, das würde bei mir auch funktionieren?"
"Julia, ich habe 1.660 Euro ausgegeben. Warum sollten jetzt 50-Euro-Einlagen das lösen?"
Sie lächelte.
"Weil du dir da keine Einlagen kaufst. Du kaufst die Möglichkeit, die Tennisspielerin zu bleiben, die du immer warst."